Pongau, Österreich

Kehrseite einer Tourismusregion

Nach der Stadt Salzburg gibt es im Pinzgau die meisten Meldungen an Zweitwohnsitzen – ein Umstand, der mancherorts die Grundstückspreise in die Höhe schnellen ließ. Abseits vom Tourismus haben dagegen Gemeinden mitunter Schwierigkeiten, die Menschen im Ort zu halten.

Die Skisaison rückt immer näher – dann wird vielen gerade leer stehenden Häusern, Ferienwohnungen oder Apartments wieder Leben eingehaucht werden. Gerade in den Tourismusgebieten sind derartige Zweitwohnsitze weit verbreitet – ein Thema, das die betroffenen Orte schon länger beschäftigt. Denn die unkontrollierte Verbreitung hat mancherorts dazu beigetragen, dass Grundstückspreise für Einheimische kaum erschwinglich sind.

Besonders viele solcher Zweitwohnsitze finden sich in Saalbach-Hinterglemm. Die Gemeinde ist ein Sonderfall im Pinzgau. 2.864 gemeldeten Personen mit Hauptwohnsitz (Stand: 1. Jänner 2015) stehen 4.763 Personen mit Zweitwohnsitz gegenüber. Mehr als 60 Prozent aller registrierten Wohnsitze entfallen damit auf Zweitwohnsitze – zum Vergleich: In Zell am See, ebenfalls ein klassischer Tourismusort, sind es nur rund 23 Prozent.

Baulandsicherungsmodelle

„Eines muss ich gleich betonen – ich habe überhaupt nichts gegen legale Zweitwohnsitze. Davon hat der Ort gerade in seinen Anfangsjahren als Tourismusdestination sehr profitiert“, sagt der Bürgermeister von Saalbach-Hinterglemm, Alois Hasenauer (ÖVP). Jene Zweitwohnsitze, die im Hauptwohnsitzgebiet stehen und nach einer neuen Regelung nicht länger erlaubt sind, will Hasenauer künftig nicht mehr dulden. „Das ist mir ein Dorn im Auge. Wir kämpfen mit allen zur Verfügung stehenden Mittel dagegen – für uns als Gemeinde sind das leider nur sehr wenige.“

Im Glemmtal bemüht man sich seit Längerem, Einheimische mit geförderten Gründen im Ort zu halten, sogenannten Baulandsicherungsmodellen. „In Saalbach sind wir ja generell sehr begrenzt, was Bauflächen betrifft. Es ist auch bekannt, dass Bauland bei uns im Tal nicht gerade billig ist. Wir als Gemeinde sind daher bestrebt, die Bauflächen so günstig wie möglich weiterzugeben.“ Im aktuellen Modell sei noch eine Parzelle für ein Doppelhaus verfügbar, so Hasenauer. Zudem beteilige sich die Gemeinde am Bau neuer Wohnungen.

In Maria Alm präsentiert sich ein ähnliches Bild wie in Saalbach-Hinterglemm. Knapp 50 Prozent aller gemeldeten Personen entfallen auf Zweitwohnsitze. Man kennt die Problematik bestens. Ortschef Alois Gadenstätter (Wählergemeinschaft Pro Maria Alm) wünscht sich eine Beweisumkehr beim Nachweis von Zweitwohnsitzen. „Derzeit ist es so, dass die Gemeinde die Beweislast erbringen muss, dass jemand eine Immobilie unrechtmäßig als Zweitwohnsitz nutzt. Es reicht nicht, dass Strom- und Wasserverbrauch zu gering sind, für einen Beweis braucht es mehr. Und das ist praktisch unmöglich.“ Er habe den Landeshauptmann, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Ressorts Wirtschaft und Tourismus entfallen, bei seinem letzten Besuch in Maria Alm darauf hingewiesen, dass hier noch Handlungsbedarf bestehe. Mit der Einführung von Absichtserklärungen, dass Immobilien nicht als Zweitwohnsitze verwendet werden dürfen, ist Gadenstätter prinzipiell sehr zufrieden. „Das hat vieles verbessert. Die Nachfrage nach Zweitwohnsitzen im Erstwohnsitzgebiet ist dadurch merklich zurückgegangen. Davor hatte man dagegen praktisch keine Handhabe.“ Auch die Gemeinde Maria Alm plane die Schaffung eines Baulandsicherungsmodells, sagt Gadenstätter.

Landflucht

An der Grenze zum Pongau sind Zweitwohnsitze hingegen kaum ein Thema. Nur knapp sechs Prozent aller Meldungen entfielen in der Gemeinde Lend (inklusive Embach) auf Zweitwohnsitze. Geringer ist der Anteil nur in Hollersbach, wo es nur rund fünf Prozent sind.

Lend kämpft vor allem mit der rückläufigen Bevölkerungszahl – der Ort hat seit Anfang 2010 (Stand: 1. Jänner 2015) rund acht Prozent seiner Bewohner verloren. Aktuell leben noch etwas mehr als 1.300 Menschen dort. „Unsere Bevölkerungsentwicklung ist eng an den einzig großen Betrieb im Ort, die SAG, gekoppelt“, sagt Bürgermeister Peter Eder (SPÖ). Die Ausbildungsstrategie des Betriebs habe sich geändert, ein großer Anteil der Arbeitnehmer entfalle bereits auf Pendler, die aus den umliegenden Gemeinden kommen.

Der Bevölkerungsrückgang bedeutet nicht nur Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft. Auf das Budget der Gemeinde wirkt sich diese Entwicklung ebenfalls negativ aus – die Mittel aus dem Finanzausgleich, über den die Steuereinnahmen auf Bund, Länder und Gemeinden verteilt werden, bemisst sich nicht zuletzt an der Einwohnerzahl. Das Geld wird dann knapper, wenn es darum geht, den Ort für den Verbleib bzw. Zuzug attraktiver zu gestalten. Ein Teufelskreis.

Der Lender Bürgermeister hofft auf die Ansiedelung von Unternehmen. Auch die Realisierung des Thermenprojekts im Ortsteil Embach hat er noch nicht abgeschrieben. „Das wären auch wieder Arbeitsplätze“, sagt Eder. Wohnungen seien ohnehin ausreichend vorhanden, auch die Infrastruktur – vom Nahversorger bis zum Hausarzt – habe man bewahren können, so Eder.

Dass der Ort früher oder später aussterben könnte, fürchtet Peter Eder nicht. Der Umstand, dass gerade viele Junge wegziehen, sei generell ein Problem, das die gesamte Region habe. „Dazu gibt es auch Initiativen wie den Verein ,komm-bleib‘ (siehe Interview), denn die Alternative ist sonst ,geh weg‘.“

„System arbeitet wie Partnervermittlung“

Die Wirtschaftskammer (WK) hat vor einigen Monaten den Verein komm-bleib zur Gänze übernommen. Gestartet wurde das Projekt schon vor rund drei Jahren im Regionalverband Oberpinzgau von Niedernsill bis Krimml. Künftig soll der ganze Bezirk davon profitieren. Das Ziel ist gleich geblieben: Fachkräfte und Akademiker für Unternehmen im Pinzgau zu halten. Wofür es so etwas überhaupt braucht, erklärt Dietmar Hufnagl, WK-Bezirksstellenleiter im Pinzgau.

Herr Hufnagl, was macht der Verein komm-bleib?

Ziel des Vereins ist es, Unternehmen bei der Rekrutierung von Fachkräften und Akademikern zu unterstützen. Dies erfolgt großteils über unsere Jobplattform, aber auch über den Besuch von Jobmessen oder Werbung in Regionalmedien. komm-bleib soll Knotenpunkt sein zwischen jenen, die einen Arbeitsplatz bieten und jenen die einen geeigneten Job suchen. Gerade viele höherqualifizierte Leute denken, dass sie im Pinzgau keinen Job finden – das sehe ich nicht so. Ein zweiter, wesentlicher Punkt ist die Bekämpfung von Leerständen in Gemeinden. Sie können ihre leeren Gebäude und Geschäftsflächen im Ort präsentieren. Firmen, die darüber nachdenken, sich anzusiedeln oder zu erweitern, sollen einen Überblick davon bekommen, was es in der Region bereits gibt.

Konnten schon erste Erfolge erzielt werden?

Es hat schon einzelne Vermittlungen von Arbeitssuchenden an Unternehmen gegeben, aber bestimmt noch zu wenige. Es wird darum gehen, mehr Unternehmen und Gemeinden ins Boot zu holen und die Plattform bekannter zu machen. Wir merken, dass nach Werbemaßnahmen die Zugriffsraten zumindest kurzfristig ansteigen.

Wie erfolgt die Vermittlung?

Die Firmen geben ihre Vorstellungen an den potenziellen Bewerber ein und umgekehrt. Ab einer gewissen Übereinstimmung, die das Unternehmen vorab festlegen kann, besteht die Möglichkeit einer gegenseitigen Kontaktaufnahme. Man kann sich das vorstellen wie bei der Partnervermittlung über das Internet.

Wofür braucht der Pinzgau überhaupt eine derartige Plattform? Ist die Region nicht attraktiv genug?

Die Prognose ist erschreckend, in den kommenden Jahren werden wir um 20 Prozent weniger Arbeitskräfte haben. Uns gehen einfach die jungen Leute ab. Es gibt im Jahresschnitt rund 300 bis 350 offene Lehrstellen, die Hälfte davon im Tourismus. Um diese offenen Stellen bemühen sich aber nur 20 bis 30 Leute. Besonders groß ist der Mangel in der Gastronomie. Im Pinzgau werden bestimmt 50 Küchenchefs gesucht – also höhere Positionen.

Vereinfacht gesagt gibt es drei Feinde der Wirtschaft im Pinzgau: Erstens die Abwanderung in die Ballungsräume, weil der Irrglaube vorherrscht, es gäbe keine passenden Jobs in der Region. Zweitens die demografische Entwicklung, immer weniger Geburten führen zu einem Bevölkerungsrückgang und verschärfen den Mangel an Fachkräften zusätzlich. Hinzu kommen drittens die höheren Schulen, die massiv um Leute keilen – auch um jene, die eigentlich in einer Lehre besser aufgehoben wären.

Wie viele Gemeinden und Firmen sind derzeit Mitglied?

16 Gemeinden und 23 Betriebe sind aktuell bei komm-bleib. Ziel ist es, dass alle Pinzgauer Gemeinden sich daran beteiligen, denn das Problem betrifft alle – die einen mehr, die anderen weniger.

Das alles beherrschende Thema aktuell sind die Flüchtlingsströme nach Europa. Welchen Beitrag leistet die Wirtschaftskammer im Pinzgau für die Integration von Asylwerbern und Asylberechtigten?

Wir evaluieren derzeit, wie viele Asylwerber in den einzelnen Gemeinden untergebracht sind und wie viele davon Arbeitsplätze finden. Das Problem dabei ist, dass Asylwerber erst nach drei Monaten Aufenthalt Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten – und auch nur eingeschränkt als Saisonarbeiter im Tourismus (oder als Erntehelfer, Anm.). Nach derzeitigem Stand betrifft das im Pinzgau rund 500 Menschen. Ich schätze aber, dass davon nur rund zehn Prozent in den nächsten Monaten in den Arbeitsmarkt integrierbar sind.

Thomas Sendlhofer

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