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Lipödem: schmerzhaft und belastend

Jede 10. Frau ist betroffen – trotzdem wird das Lipödem oft erst spät erkannt. Der Leidensdruck ist enorm und wird durch hinzukommende psychische Probleme noch höher.
Ein Artikel von Natalie Zettl
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Die Erscheinungsformen des Lipödems sind ganz unterschiedlich: Bei manchen Patienten ist die Hüftpartie, bei anderen die Beine betroffen.
Zeichnungen: vanillya – fotolia.com

Hinter dem Lipödem verbirgt sich weit mehr als ein ästhetisches Problem. Die auffälligen Fettpolster sind Folge einer Fettverteilungsstörung und können extreme Spannungs- und Druckschmerzen hervorrufen. So werden für manche Patientinnen sogar leichte Berührungen an den betroffenen Stellen zur Qual.

Wie erkennt man das Lipödem?
Einen ersten Hinweis gibt das äußere Erscheinungsbild: Patientinnen, die am Lipödem erkrankt sind, weisen schmerzhafte Fettablagerungen im Bereich des Gesäßes, der Hüften, an den Knien und den Unterschenkeln auf. In etwa einem Drittel der Fälle sind auch die Oberarme mit betroffen. Dr. Corinna Giera, leitende Oberärztin der Capio Schlossklinik Abtsee, warnt jedoch: „Das Lipödem kann optisch stark variieren. Viele erkennen es daher nicht oder erst sehr spät.“ Typisch ist, dass die Fettvermehrung immer symmetrisch auftritt – anders als zum Beispiel beim Lymphödem. Auch vermehrt auftretende blaue Flecken können auf das Lipödem hinweisen. Die Beschwerden reichen von müden und schweren Beinen bis hin zu starkem Druck- und Berührungsschmerz und werden meist gegen Abend oder bei sportlicher Betätigung stärker.

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Wie ein Lipödem entsteht, ist noch nicht vollständig geklärt. Da fast ausschließlich Frauen betroffen sind und die Krankheit typischerweise nach der Pubertät, einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren auftritt, gehen Spezialisten von hormonellen Veränderungen als Auslöser der Erkrankung aus. Zudem scheint das Lipödem genetisch bedingt zu sein – familiäre Häufungen legen diese Vermutung nahe. Bei den wenigen betroffenen Männern ist meist eine Lebererkrankung die Ursache für den veränderten Hormonstatus.

Verschiedene Stadien
Ein Lipödem entwickelt sich nicht von heute auf morgen: Die Entwicklung zum Lipolymphödem, der massivsten Form, geschieht über Jahre. Generell unterscheidet man drei verschiedene Stadien: Im Anfangsstadium ist die Beinform manchmal nicht allzu auffällig und das Lipödem wird mit der gutartigen „Reiterhose“ verwechselt: Es bildet sich vermehrt Fettgewebe an Ober- und manchmal auch Unterschenkeln, das Bein erscheint leicht „säulenförmig“. Die Haut ist aber noch glatt und ebenmäßig. Im zweiten Stadium wachsen die Fettdepots, erste Knoten sind tastbar. Im dritten Stadium schließlich bestehen häufig große Hautlappen und Fettwülste vorwiegend an den Beininnenseiten, das Unterhautgewebe ist stark verdickt und verhärtet. Zudem gibt es verschiedene Typen, die sich nach dem Auftreten der Lokalisation der Fettansammlungen unterscheiden: Unterschenkeltyp, Oberschenkeltyp, Ganzbeintyp, Oberarmtyp etc.

Was rät der Facharzt?

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Nicht nur Hüften und Beine, auch die Oberarme können vom Lipödem betroffen sein.
Foto: Andrey Popov – fotolia.com

Steht die Diagnose fest, wird der Arzt im Zuge der konservativen Therapie zunächst eine Kompres-sionstherapie vorschlagen: Kompressionsstrümpfe können das Schweregefühl und die Wasseransammlungen im Bein reduzieren. Zudem kann es sinnvoll sein, die sogenannte KPE (Komplexe Physikalische Entstauungstherapie) mit Lymphdrainagen anzuwenden. Wichtig zu wissen: Sofort nach der Behandlung müssen die Kompressionsstrümpfe angezogen werden. „Wenn man zum Beispiel zuerst nach Hause geht und erst dann die Strümpfe anzieht, bringt die Lymphdrainage nichts!“, gibt Dr. Giera zu bedenken. Führt die konservative Therapie zu keiner Besserung der Beschwerden, dann sollte über eine Liposuktion (Fettabsaugung) nachgedacht werden. Sie ist die einzige Möglichkeit, die Erkrankung zum Stillstand zu bringen oder zumindest in ihrem Verlauf zu verlangsamen.

Was kann ich selbst tun?
Neben dem konsequenten Tragen der Kompressionsstrümpfe und dem regelmäßigen Gang zum Physiotherapeuten können Sie einiges tun, um die Lebensqualität Ihres Alltags mit Lipödem zu verbessern. Sinnvoll ist ein gewisses Maß an Sport – Experten empfehlen dreimal pro Woche eine Session von 45 Minuten. Am schonendsten sind sanfte Sportarten wie Schwimmen oder Aquacycling. Zusätzlich sollten Sie darauf achten, im Alltag keine enge Kleidung zu tragen. Vorsicht ist auch bei der Hautpflege geboten: Scharfe Deodorants sind an den betroffenen Stellen verboten! Ph-neutrale Pflegemittel dagegen dürfen gerne benutzt werden. Wichtig ist überdies eine gesunde Lebensweise. Zudem rät Dr. Giera: „Scham bringt niemanden weiter. Glücklicherweise tritt das Thema Lipödem immer mehr in den Fokus. Schämen Sie sich daher nicht wegen Ihres Aussehens und nehmen Sie die Herausforderung Lipödem an!“

EXPERTENTIPPS

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Foto: Capio Schlossklinik Abtsee

Wenn Sie ein Lipödem haben oder wissen wollen, ob dies der Fall ist, dann sollten Sie sich an einen fachkundigen Arzt wenden! Solche Ärzte sind spezialisiert im Fach Lymphologie und tragen eine entsprechende Zusatzbezeichnung. Wichtig ist, dass Sie sich von diesem Arzt gut beraten und betreut fühlen. Denn leider ist das Lipödem eine Erkrankung, die nicht heilbar ist und von den betroffenen Patientinnen lebenslang viel Konsequenz und Therapiewillen erfordert. Umso wichtiger ist die Vertrauensbasis zu Ihrem Arzt.

Dr. Corinna Giera, leitende Oberärztin,
Capio Schlossklinik Abtsee, Laufen

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Foto: RK-KAEFER

Lipödem-Patienten werden erfahrungsgemäß ihr Leben lang wegen ihres hohen Leidensdrucks mit guten Ratschlägen bezüglich Diät und Sport überhäuft. Beim Lipödem handelt es sich jedoch um eine Krankheit, welche mit Diäten und Sport nicht verbessert werden kann – hier hilft nur die Fettabsaugung (Liposuktion). Diese kann in Narkose oder örtlicher Betäubung durchgeführt werden. Die Fettzellen sind dann ein für alle Mal weg und der jahrelange Leidensdruck verschwindet.

Dr. Michaela Magometschnigg, FA für Gefäßchirurgie, Chirurgie und Allgemeinmedizin, Salzburg

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