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Meine Hausberge

Sie begleiten mich ein Leben lang

Durch das Küchenfenster im elterlichen Haus schaute ich täglich auf das Massiv der Leoganger Steinberge. Furchtbar hoch, abweisend und damit unbezwingbar erschienen mir die einzelnen Gipfel, deren Namen wir in der Volksschule brav in unsere Hefte schrieben: Birnhorn, Fahnenköpfl, Mitterhorn, Brandhorn. An besonders klaren Tagen konnte man das Gipfelkreuz am Birnhorn, die Umrisse der Passauer Hütte, gelegentlich sogar die davorstehenden Fahnenmasten im Tal erkennen. Eifersüchtig war ich auf ältere Kinder aus der Nachbarschaft, die bereits mit ihren Eltern Bergtouren unternahmen, während ich mich noch mit kleinen Wanderungen in leichtem Gelände begnügen musste. Ich erinnere mich genau: Im örtlichen Fremdenverkehrsamt lagen kleine Wanderhefte aus. Pro Tour wurde je nach Schwierigkeit und Länge eine bestimmte Punktezahl vergeben. Entsprechende Stempel, die auf Hütten und an Gipfelkreuzen hinterlegt waren, dienten als Beweis dafür, dass man auch wirklich dort war. Ich erwanderte mir sechsjährig – zum Teil im Alleingang – die Wandernadeln in Bronze und Silber. In einem Sommer wohlgemerkt. Freilich waren diese „Trophäen“ hauptsächlich für Touristen gedacht, weniger für Einheimische. Dennoch: Ich trug beide Abzeichen mit stolz geschwellter Brust auf meiner Jacke. Für die absolute Krönung, die goldene Plakette, fehlte mir ein einziger Stempel. Jener der 2.033 Meter hoch gelegenen Passauerhütte.

Im Sommer darauf bekam ich von meinen Eltern gute Bergschuhe, einen kleinen Rucksack, eine blaue Stretch-Kniebundhose und ein Tourenbuch geschenkt. Voller Vorfreude ahnte ich, was das bedeutet. Entgegen aller Bedenken und Aufregung im Vorfeld verlief der lang ersehnte Tag schließlich erstaunlich komplikationsfrei. Nach einem dreistündigen Aufstieg erreichte ich in Begleitung meines Vaters und meiner Schwester die Passauer Hütte. Zum ersten Mal in meinem jungen Leben stieg ich aus eigener Kraft in eine Höhe von über 2.000 Metern. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich mich an ausgesetzten Stellen an einem Drahtseil festhalten. Zum ersten Mal konnte ich ab einer gewissen Höhe die schneebedeckten, fernen Gipfel der Hohen Tauern am Horizont erblicken. Außerdem sicherte ich mir den letzten fehlenden Stempel – und damit die goldene Wandernadel.

Rückblickend betrachtet, war dieser Tag viel mehr als meine erste stramme Bergtour. Es war eine Art Initiationserlebnis. Ich war in die abenteuerliche Gebirgswelt vorgedrungen, der Erwachsenenwelt somit ein Stück näher gekommen. Voller Freude trug ich meinen Namen ins Gipfelbuch ein. Mit den Jahren wurden die Berge höher, die Touren spektakulärer, die Routen schwieriger. Mein Aktionsradius erweiterte sich enorm. Der Berge wegen bin ich schließlich sogar in unterschiedlichste Länder gereist, habe Gipfel in Italien, Frankreich, Spanien, Irland, Portugal, Norwegen, in der Schweiz, auf Grönland, in Kanada und USA bestiegen.

Trotz aller Vertrautheit: Meine Hausberge üben nach wie vor einen großen Reiz auf mich aus. Wenn ich heute in den Leoganger Steinbergen unterwegs bin, wandle ich auf den Spuren meiner Jugend und entdecke dabei dennoch immer wieder Neues. Dieser Gebirgszug, auch wenn es womöglich etwas pathetisch klingt, hat mich geprägt. Auf seinen Gipfeln fühle ich mich geborgen, angekommen und daheim. Von oben auf das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hinabzuschauen, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Hier, mein Elternhaus, dort, das Schwimmbad, die Schule, der Skilift … Was für eine schöne, unbeschwerte Kindheit ich hier erleben durfte!

Die klassische Route auf das 2.634 Meter hohe Birnhorn ist mindestens einmal pro Sommer Pflicht: vom Wanderparkplatz im Ortsteil Ullachtal über die Passauerhütte, das Melkerloch und die Birnhorn-Südwand in leichter Genusskletterei auf den Gipfel. Den Abstieg trete ich fast immer über die Westflanke, den „Kuchelnieder-Klettersteig“ an. Liege ich zeitlich gut im Rennen, mache ich einen Abstecher auf das benachbarte Kuchelhorn, ehe ich in der Passauer Hütte einkehre. Seit 2012 sind Evelyn und Michael Faber die Wirtsleute der einzigen Hütte in den Leoganger Steinbergen. Das Duo – sie eine gebürtige Pongauerin, er ein waschechter Bayer – führt die Hütte mit sehr viel Liebe und Engagement. Essen köstlich, Service super, Stimmung immer prächtig. Und weil sich das längst herumgesprochen hat, herrscht an schönen Wochenenden Hochbetrieb dort oben. Sportkletterer kommen am nahegelegenen Fahnenköpfl, Kaffeeköpfl und Kuchelhorn voll auf ihre Kosten. Alle Routen in den 200 bis 300 Meter hohen Wänden sind saniert und bieten luftige Kletterei in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Einen Superlativ haben die Leoganger Steinberge übrigens auch zu bieten: Seit 2011 ist der „Pinzga Wurm“ mit seinen 45 Seillängen und 2.150 Klettermetern die längste Route in den nördlichen Kalkalpen.

Dass es mit der Passauer Hütte nur einen Stützpunkt mit Übernachtungsmöglichkeit im gesamten Gebirgszug gibt, mag manchen Bergfreund ärgern. Mich freut’s gewaltig. Es gibt einige Gipfel abseits der Hütte, auf deren Zustiege man die Schönheiten dieses Gebirges nahezu alleine genießen kann. Auf dem 2.467 Meter hohen Grießner Hochbrett etwa zeugt ein Gipfelbuch aus dem Jahr 1995 davon, wie selten es begangen wird. Kaum mehr als 10 Einträge finden sich pro Jahr darin. Auch das 2.099 Meter hohe Brandhorn mit seiner karstigen Ostflanke und seinem zerklüfteten Gipfelplateu ist ein Geheimtipp. Im Gipfelbuch von 1991 ist noch jede Menge Platz für Bergsteiger, die diesen einsamen Aussichtpunkt suchen.

Ein wahres Idyll ist meine Leoganger Lieblings-Alm, der „Lettlkaser“. Unterhalb der Kaserwand gelegen, verbirgt sich diese zauberhafte, kleine Hütte in nur 1.440 Metern Höhe in den östlichen Leoganger Steinbergen. Der Weg dorthin dient mir seit vielen Jahren als einstündige, stramme Trainingseinheit. Oder als eine Art Auslaufstrecke, wenn die Beine von einer langen Tour am Vortag schwer sind. Bei Klara und Sepp Versec einzukehren, ist in jedem Fall eine feine Angelegenheit und bei mir so etwas wie ein Muss am Wochenende. Der Grund ist unter anderem ein kulinarischer: Es gibt die beste Jausn überhaupt. Selbst gebackenes Brot, guten Speck, hausgemachte Butter, Kräutertopfenaufstrich, köstliche Kaspressknödelsuppe und – da die Hütte bei Einheimischen sehr beliebt ist – reichlich Neuigkeiten aus dem Dorf. PS.: Wer die Hütte in eine lange Bergtour integrieren möchte, kann sie wunderbar über den Plattenkopf und die „Sieben Gräben“ mit der Passauer Hütte kombinieren.

Eine Rechnung hab’ ich in den Leoganger Steinbergen auch noch offen. Seit ich weiß nicht wie vielen Jahren, will ich auf das 2.442 Meter hohe Große Rothorn steigen. Einen markierten Weg auf den Gipfel sucht man vergeblich. Detaillierte Wegbeschreibung in einem Führer? Gibt’s nicht. Es braucht schon etwas Spürsinn, um den verwachsenen Pfad zu finden. Mein Bruder machte sich letzten Sommer auf den Weg, verstieg sich fürchterlich und scheiterte entsprechend. Kommende Saison wollen wir es gemeinsam erneut versuchen. Dieses Mal muss es einfach klappen …

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