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Pinzgauer Charaktere

Der Pinzgau ist für die Schönheit der Natur und seine Tourismusdestinationen weit über die Grenzen hinaus bekannt. Doch das Besondere dieser Region erschließt sich gerade für die vielen Gäste – im Sommer wie im Winter – nicht zuletzt aus jenen Menschen, die hier verwurzelt sind, die den Bezirk beleben und prägen, ihm zu einem ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter verhelfen.

Flächenmäßig ist der Pinzgau der größte Salzburger Landesteil. Die geografische Ausdehnung hat die Vielfalt der Menschen, ihrer Vorlieben und Interessen, sicherlich gefördert. Wir haben uns sieben Leute von den 85.000 Einwohnern heraus gepickt. Die vier Frauen und drei Männer aus Wald, St. Martin, Weißbach, Bruck, Saalfelden, Mittersill und Viehhofen eint die Hingabe zu ihrem Beruf, ihrer Tätigkeit in Vereinen oder ihren Freizeitaktivitäten. Die Kurzporträts erzählen von ihrer Motivation, fragen nach Zielen und dem Bezug zur eigenen Heimat.

Thomas Sendlhofer

Obfrau des Kulturvereins „Binoggl“

Kunst und Kultur auf dem Land haben mitunter einen schweren Stand. Sabine Hauser kennt dieses Problem bestens. Die hauptberufliche Texterin aus St. Martin fungiert seit gut fünf Jahren als Obfrau des Kulturvereins „Binoggl“, der rund 120 Mitglieder in den Gemeinden Lofer, St. Martin, Unken und Weißbach zählt. „Ein Programm aufzustellen, ist nicht schwer. Abseits von den großen Rennern bei Veranstaltungen, die viele Menschen anziehen, leiden wir aber seit geraumer Zeit spürbar mehr unter einem Publikumsmangel“, erzählt Hauser.

Die Gründe seien nicht einfach auszumachen. Vielleicht liege das mangelnde Interesse an manchen Produktionen an der Menge der Angebote in der Region, so Hauser. „Die Leute sind wohl gesättigt – das Freizeitangebot wird immer mehr.“ Trotzdem bemüht sich die 50-Jährige als Obfrau um frische Akzente. „Mein Anspruch ist, nicht nur auf Bewährtes zu setzen, sondern Neues zu wagen, Dinge aus anderer Sicht zu betrachten. Ich sehe darin den Sinn der Fördergelder, die wir vom Land bekommen. Ich will in Zukunft dabei bleiben, dass wir immer wieder Experimente machen.“

Ein großes Anliegen ist Sabine Hauser, die junge Generation für die Kultur am Land zu begeistern. „Besonders wichtig ist es mir, den Kindern zu vermitteln, dass Kultur nicht abstrakt, sondern greifbar ist – dass es das bei uns auch gibt und nicht nur in den großen Städten. Bei unseren Kreativ-Workshops an Schulen ist es ergreifend anzusehen, wie die Kinder da mitmachen.“ An ihrem langjährigen ehrenamtlichen Engagement beim Kulturverein schätzt Hauser das Zusammenkommen mit interessanten Persönlichkeiten aus der Szene. „Kunst kommt ja auch von Können. Das heißt, die Leute, die da ein Programm machen, haben etwas drauf. Aus den vielen Bekanntschaften haben sich über die Jahre zahlreiche Freundschaften entwickelt.“

Imkerin

Beim Reden über ihr Lieblingshobby gerät Annelies Klausner ins Schwärmen. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn die 48-Jährige aus Wald ist passionierte Imkerin. „Da steckt viel Herzblut drin“ sagt sie. Zur Entspannung beobachtet Klausner ihre Schützlinge gerne einmal länger bei der Arbeit. „Da kannst du dich zum Bienenstock hinhocken und zuschauen – das ist für mich wie Meditation.“

Mit Freude denkt sie an ihre Anfänge als Imkerin zurück. Zu Beginn war es der Bruder, der sich im Elternhaus mit den Bienen beschäftigte. Als er ausgezogen war – und mit ihm die Bienen –, begann Annelies Klausner auf Zuraten des Vaters selbst mit der Zucht. Ihre ersten beiden Völker quartierte sie vor beinahe 30 Jahren in einem alten VW-Bus ein. Heute nennt sie 16 Bienenstöcke ihr Eigen, fünf davon stehen im Garten, wo im Herbst ein eigenes Bienenhaus entstehen soll.

Zu den verschiedenen Honigsorten stellt Klausner aus den bei der Ernte entstehenden Nebenprodukten unter anderem Met, Likör und Kosmetikprodukte her. „Es ist schon ein Hobby, das sich finanziell von selbst trägt – aber schlafen darfst du nicht, es ist mit sehr viel Arbeit verbunden.“

Das Bienensterben sei im Pinzgau genauso zu beobachten, sagt die Imkerin. Die Varroamilbe, ein eingeschleppter Schädling aus Asien, hat viele Bienenvölker in der kalten Jahreszeit sterben lassen. Bei der Walder Imkerin haben heuer alle Völker den Winter überstanden – normalerweise seien 20 Prozent Verlust einzukalkulieren, sagt sie.

Um den Bienen die Arbeit zu erleichtern, empfiehlt Annelies Klausner den Anbau von „Trachtpflanzen“. Darunter fallen Gewächse, die besonders viel Nektar produzieren und deshalb von den Bienen gerne angeflogen werden – wie Ysop oder wilder Thymian, Schmetterlings- / Sommerflieder.

Feuerwehrfrau

43 Aktive zählt derzeit die Freiwillige Feuerwehr in Weißbach. Lisa Hirschbichler ist eine von nur zwei Frauen im Kader. Seit gut zwei Jahren ist sie Mitglied – in der Männer-Domäne Feuerwehr ist die junge Frau, die sich beim Land Salzburg zur Verwaltungsassistentin ausbilden lässt, gut aufgenommen worden. „Natürlich war es am Anfang nicht ganz leicht, aber dann haben sie bald gemerkt, dass ich auch was drauf hab und anpacken kann.“

Die Begeisterung für die Feuerwehr kommt nicht von ungefähr. Seit jeher ist das familiäre Umfeld davon geprägt: Vater, Bruder, Großvater und sogar der Freund sind Feuerwehrleute. „Das ist eine Berufung, das muss man gerne tun. Es sind auch viele Sachen dabei, die nicht gerade Spaß machen“, sagt Lisas Vater Herbert, der als stellvertretender Ortsfeuerwehrkommandant stets ein Auge auf seine Tochter hat.

Derzeit muss sich die 17-Jährige im Einsatzfall noch
mit kleineren Aufgaben begnügen – etwa im Falle eines Unfalls mit der Regelung des Straßenverkehrs. Nach der bereits erfolgreich absolvierten Grundausbildung plant sie nun die Teilnahme am Funklehrgang, Atemschutz- sowie Maschinisten-Kurs.
Später will die Feuerwehrfrau auch den Lkw-Führerschein machen, der zum Lenken der großen Tankfahrzeuge berechtigt.

Furcht davor, sich selbst in Gefahr zu bringen, kennt Lisa Hirschbichler keine. „Wenn die Sirene geht, ist das schon ein Adrenalin-Kick. Da ist man von der einen auf die andere Sekunde munter. Angst kommt keine auf, was bei einem Einsatz passieren könnte. Wenn man sieht, dass man wirklich die Existenz oder überhaupt das Leben von Menschen rettet und dafür die Dankbarkeit der Leute zurückkommt, wird einem bewusst, warum man das macht.“

Flugretter

Markus Amon ist viel unterwegs. In den Bergen – und in der Luft. Der Brucker leitet den Fachbereich der Flugretter des ÖAMTC, bundesweit. Kürzlich war er bei der Rettung zweier Skitourengeher unterhalb des Großen Wiesbachhorns in rund 3300 Metern Seehöhe beteiligt.

Zur Flugrettung kam Amon über Umwege. Zunächst war er beim Bundesheer Ausbildner für angehende Bergführer. Danach verschlug es ihn in die Krankenpflege. „Beim Heer habe ich immer gewusst, dass wir im Prinzip nur für eine Übung trainieren – das hatte irgendwie keinen Realitätsbezug. In der Pflege, bei der Arbeit mit Patienten, habe ich gemerkt, dass etwas zurückkommt.“ Bei der Flugrettung kann er nun beides vereinen: In den Bergen unterwegs zu sein und einen Dienst am Menschen zu leisten.

Als Bergführer ist Markus Amon nach wie vor tätig. Mit Begeisterung erzählt er von seinen Expeditionen der vergangenen Jahre, die ihn unter anderem auf den Mount McKinley in Alaska und den Elbrus im Kaukasus geführt haben. „Mich haben als Kind schon die Fernsehberichte fasziniert. Durch die Arbeit als Bergführer hast du die Möglichkeit, fremde Kulturen kennenzulernen.“

Die Neugier, ferne Länder zu erkunden, lockte den Brucker auch schon in den nepalesischen Himalaya. Nach Besteigungen von zwei 8.000ern hat der 41-Jährige ein großes Ziel vor Augen. „Ich will unbedingt noch auf den Mount Everest. Aber sicher nicht über die kommerzielle Variante.“ Damit meint Amon den Verzicht auf Träger und Flaschensauerstoff – den er als „reines Doping“ bezeichnet. Der Zeitpunkt ist nicht zuletzt wegen des Erdbebens Ende April ungewiss. „In naher Zukunft ist das sicher nicht angemessen. Die Leute, mit denen wir immer unterwegs sind, haben großteils gar nichts mehr.“

Kleintierzüchterin

Daheim bei Petra und Christian Hofer im Saalfeldener Ortsteil Obsmarkt grasen auf der Wiese hinter dem Haus sechs fremdländisch anmutende Geschöpfe. Die mit dichter Wolle ausgestatteten Tiere nennen sich Alpakas und sind wie die Lamas mit den Kamelen verwandt. Ihre Heimat sind die peruanischen Anden – eine raue Lebenswelt, für die sie ihr warmes Fell benötigen.

Etwas ängstlich nähern sie sich ihren Besuchern im Gehege. „Neugierig sind sie ja – aber doch sehr zurückhaltend. Aber das ist mir lieber so – wir mögen es ja auch nicht, wenn wir ständig getätschelt werden“, sagt ihre sichtlich stolze Besitzerin. Dass sie seit einem Jahr in Saalfelden ansässig sind, erklärt Petra Hofer so: „Mein Mann und ich haben die Tiere bei einer Kleintierschau in Schwarzach gesehen und haben uns sofort in sie verliebt.“ Zugekaufte Alpaka-Wolle verarbeitet die 50-Jährige zu Hauben, Schals oder Handschuhen.

Seit einiger Zeit bietet das Ehepaar Hofer geführte Alpaka-Wanderungen an, zum Beispiel auf die nahegelegene Steinalm. „Mit den Alpakas dauert so eine Trekkingtour dann zwar um einiges länger. Aber gerade für gestresste Menschen bietet sich das als netter Ausgleich an, weil die Tiere so eine Ruhe ausstrahlen. Wenn sie sich hinlegen wollen, legen sie sich einfach hin. Fast wie kleine Kinder.“

Neben den Alpakas züchten die Hofers Kaninchen. In einigen Nestern tummelt sich Nachwuchs. An den Wänden im Stallgebäude hängen zahlreiche Auszeichnungen von nationalen und internationalen Kleintierausstellungen. Auch Hühner bevölkern den Kleintier-Bauernhof, deren Eier im Haushalt verwendet werden. Ihre Tierliebe teilt das Ehepaar Hofer mit einer großen Gemeinschaft im 1. Pinzgauer Kleintierzucht- und Gartenverein, in dem Christian Obmann ist.

Lehrer für islamische Religion

Ridvan Tekir, geboren im bayrischen Regensburg, lebt seit einigen Jahren in Mittersill. In die Region geführt hat den Sohn türkischer Einwanderer sein Beruf. Der praktizierende Muslim unterrichtet an insgesamt 15 Schulen zwischen Bramberg und Saalfelden islamische Religion. Seine Wahlheimat hat Tekir mittlerweile ins Herz geschlossen. „Am Pinzgau schätze ich die Ruhe, die schöne Landschaft und dass man sich grüßt – das vermisse ich in größeren Städten. Auch die positive Einstellung gegenüber Muslimen freut mich sehr.“

Seit 2012 bietet der 31-Jährige einen besonderen Service für die vielen Sommer-Urlauber aus dem arabischen Raum an. Seine Internetseite rihlatzellamsee.com („rihlat“ ist arabisch und bedeutet „Reise“, Anm. d. Red.) gibt Auskunft zu Wetter, Sehenswürdigkeiten, Attraktionen und mehr in englischer und arabischer Sprache. „Die Idee der Seite: Bereitstellung von Informationen für arabische Gäste vor ihrer Anreise. Muslime haben nämlich spezielle Bedürfnisse, wie die strikte Einhaltung von Gebetszeiten, die sich nach der Sonne richten, oder strenge Essensvorschriften“, erklärt Tekir.

Der Erfolg der Seite ist beträchtlich – mittlerweile lassen sich mehr als 6000 arabische Gäste via Twitter regelmäßig informieren. Nun schmiedet Tekir Expansionspläne. Zusammen mit Partnerbetrieben, die für die Nennung auf der Website künftig bezahlen müssen, soll zunächst das Angebot ausgeweitet und der Web-Auftritt professioneller gestaltet werden. Mit seinen Geschäftspartnern, Lukas Nindl aus Kaprun und Simon Mayr-Reisch aus Bruck, will er das Konzept später auf weitere europäische Städte ausdehnen, die bei arabischen Gästen als beliebte Reiseziele gelten. Dazu gründeten die drei Unternehmer vor Kurzem die Firma „eurab partners OG“.

Organisator der „Pinzgau Trophy“

Ein bisschen einen Spinner haben wir alle“, sagt Peter Gruber über die eigene Leidenschaft und die seiner Kollegen für den Ausdauersport. Der 37-Jährige organisiert heuer zum siebten Mal die „Pinzgau-Trophy“, eine Serie für Mountainbike-Rennen, an der er wie jedes Jahr selbst teilnimmt.

„Die einzelnen Bewerbe hat es ja davor schon gegeben. Es hat dann eine Saison gegeben, in der ich bei vielen Rennen im Spitzenfeld war – da hab‘ ich mir gedacht, wenn es eine Gesamtwertung gäbe, wäre ich vorne dabei“, sagt der Viehhofener schmunzelnd. „Zuerst habe ich es eben ein wenig aus Egoismus gemacht, mittlerweile wegen der Gemeinschaft. Wir sind inzwischen eine große Familie geworden.“

Der Bewerb hat es zu überregionaler Bedeutung gebracht. Das Leistungsniveau ist mit den Jahren deutlich gestiegen. „Wir haben im Pinzgau eine vergleichsweise brutale Dichte bei den Hobbysportlern.“ Ein Grund dafür sind freilich die vielen Rennen, auf die die Sportler hin trainieren können. Seit dem Winter 2013 / 14 gibt es die „Pinzgau-Trophy“ auch im Winter – für die Skibergsteiger. Highlight war im Dezember die Austragung der Staatsmeisterschaft im Vertical-Bewerb im Rahmen der „Trophy“. Eine große Vision schwebt Gruber noch vor Augen: Einen Bergtriathlon, bestehend aus Berglaufen, Paragleiten und Mountainbiken nach Vorbild des Lienzer Dolomitenmanns, will er in den kommenden Jahren in seiner Heimatgemeinde auf die Beine stellen.

Am liebsten hält sich der HAK-Lehrer vor der eigenen Haustür fit, im Glemmtal. 1000 Höhenmeter legt er über das Jahr durchschnittlich zurück – jeden Tag. Trotzdem hat die sechsjährige Tochter bei der Freizeitgestaltung das letzte Wort: „Wenn die Lena sagt, sie will schwimmen gehen, muss sich der Sport hinten anstellen.“

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