Alexander Micheu        micheu_derby_277-1

Zwischen den Fronten

Schiedsrichter im Eishockey bekommen einiges ab. Nicht nur verbal, auch körperlich. „Berufsrisiko“ nennt es David Nothegger. Der 24-Jährige aus Piesendorf pfeift als Linienrichter aktuell in Schweden.

Eishockey gilt als der schnellste Mannschaftssport überhaupt. Eishockey ist bekannt für Härte, für Emotionen – auf und abseits der Eisfläche. Eine besondere Herausforderung für den Hauptschiedsrichter und seine Assistenten, den Linienrichtern. Wenn einem eine Hartgummischeibe mit 100 Kilometer pro Stunde – oder mehr – um die Ohren fliegt oder die ganzkörpergepanzerten Spieler einen über den Haufen rennen, kann’s weh tun, weiß David Nothegger. „Es gibt eigentlich kein Jahr, in dem kein Schiedsrichter Zähne verliert. Das ist eben Berufsrisiko – man sollte sicher nicht zimperlich sein.“

Ordentlich einstecken musste der 24-jährige Piesendorfer schon selbst. Gleich beim ersten Einsatz in der höchsten österreichischen Spielklasse, der EBEL. Die Erinnerungen sind schmerzhaft. „Das war am Neujahrstag 2012 in Villach. Zwei Spieler haben mich gegen die Bande gedrückt, ich bin dann mit der Schulter auf dem Eis aufgeschlagen.“ Für Nothegger war das Spiel beendet – Schulterluxation. „Zuerst habe ich am Eis noch versucht, das Gelenk wieder einzurenken. Das hat aber nicht funktioniert. Auch in der Kabine ging da nichts.“ Letztlich musste das Gelenk unter Vollnarkose gerichtet werden. Die Verletzung war der Beginn eines Leidensweges. Noch vier Mal renkte er sich die Schulter beim Sport aus. Nach zwei Operationen macht das Gelenk nun keine Probleme mehr.

Nicht nur körperlich müssen die Schiedsrichter einiges aushalten – die Spieler teilen in der Hitze des Gefechts auch gerne einmal verbal aus. „Gerade im Eishockey, wo viel Adrenalin im Spiel ist, muss ich als Schiedsrichter zwischen Emotion und bloßer Beschimpfung unterscheiden können.“

Im Gegensatz zu den Mannschaften wird unter den Schiedsrichtern nicht gewechselt, Ausdauer ist daher eine Grundvoraussetzung. „Eine gute körperliche Verfassung wird auch bei uns Schiedsrichtern immer wichtiger – vor allem in Österreich wird darauf immer mehr Wert gelegt.“ Auch das Krafttraining ist unerlässlich – im Zweifelsfall muss der Schiedsrichter schließlich die Streithähne auseinander halten können.

Erfahrungen in europäischer Topliga

Für David Nothegger ist seine Tätigkeit als Linesman ein Nebenjob zum Studium an der Universität Innsbruck, wo er den Master in Banking and Finance absolviert. „Es ist auf jeden Fall ein sehr gutes Taschengeld, um mein Studium zu finanzieren. Noch dazu mache ich das, was mir Spaß macht – da bin ich schon sehr froh darüber.“ Aktuell lebt und studiert Nothegger im Rahmen eines Auslandssemesters in Göteborg, Schweden.

Dank guter Verbindungen des österreichischen Verbandes kann Nothegger nun auch in Schweden als Schiedsrichter arbeiten. „Ich beginne jetzt in der Hockey Allsvenskan, der zweithöchsten schwedischen Liga. Die Chancen stehen aber gut, dass ich bald Einsätze in der 1. Liga bekomme.“ Dann wäre er der erste ausländische Linienrichter in Schwedens höchster Spielklasse überhaupt.

Der 24-Jährige ist nun viel auf Achse – ein bis zwei Spiele absolviert er Woche für Woche. Studium und Job unter einen Hut zu bekommen sei schwierig, räumt der Pinzgauer ein. „Ich bin es aber von Österreich gewohnt, da hatte ich in der Hochsaison sogar bis zu vier Spiele in der Woche.“ Die Reise zu den Spielorten ist in Schweden jedenfalls aufwändiger als in der Heimat – das Land ist gemessen an der Fläche mehr als fünf Mal so groß wie Österreich. „Dadurch, dass es in der 2. Liga in und um Göteborg keinen Verein gibt, liegt der nächstgelegene Spielort für mich drei Autostunden entfernt.“ Am weitesten muss Nothegger zum Team von Asplöven nach Haparanda anreisen – allerdings mit dem Flugzeug. Die nordschwedische Stadt an der finnischen Grenze, rund 100 Kilometer südlich des Polarkreises gelegen, wäre nämlich 1.350 Straßenkilometer entfernt.

Den Unterschied zwischen dem heimischen und dem schwedischen Eishockey erklärt Nothegger so: „Das schwedische Eishockey ist technisch besser, taktisch und strategisch anspruchsvoller als in der EBEL (höchste Spielklasse in Österreich, Anm.). In Österreich ist das Spiel dafür körperbetonter. Für mich als Schiedsrichter ist es daher intensiver als in Schweden – weil ich viel aufmerksamer sein muss.“ Auch in der Fankultur sei der Stellenwert des Sports für die Einheimischen merkbar. „In Schweden ist Eishockey ein richtiger Nationalsport. Die Vereine haben nicht nur Fans aus der eigenen Stadt, sondern im ganzen Land.“

Olympia als großes Karriereziel

Der Piesendorfer ist seit mehr als dreieinhalb Jahren Linienrichter in der EBEL. Trotz seiner Jugend hat Nothegger schon viel Erfahrung, 130 Spiele hat er bislang allein in Österreichs oberster Spielklasse absolviert. International hat er sich ebenfalls bewährt – in zwölf verschiedenen Ländern leitete der Referee bereits Eishockeyspiele. Bisheriges Highlight waren Olympia-Qualifikationsspiele in Kiew. Die Teilnahme am olympischen Eishockey-Turnier und bei der A-Weltmeisterschaft nennt der Linienrichter als Karriereziele. Der große Traum ist wie wohl für jeden in der Szene aber die nordamerikanische NHL, die beste Liga der Welt.

Thomas Sendlhofer

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